Alter!

Im Osten: viel rot. Und im Westen: gelb-grün.
Warum das so ist, erklärt der Bevölkerungsforscher Reiner Klingholz.

„Ohne Zuwanderung würde Deutschland längst schrumpfen“

Herr Klingholz, was sehen Sie als Experte auf der Karte, was ein Laie eher nicht sieht?

Zunächst könnte man denken: Dort, wo es rot ist, werden die Menschen besonders alt, weil die Lebenserwartung hoch ist. Aber das ist nicht der Fall.

Sondern?

Die roten Gebiete sind meist Abwanderungsregionen. Im Osten Deutschlands befinden sie sich in peripheren Regionen, also dort, wo die großen Städte weit entfernt sind: Das sind etwa die südlichen Teile von Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Im Westen Deutschlands gibt es diese Regionen auch, wenn auch weniger stark ausgeprägt: in der Südwestpfalz, an der tschechischen Grenze von Bayern, in Oberfranken, im Saarland oder im Ruhrgebiet.

Wie wird eine Region zu einer Abwanderungsregion?

Wenn junge Menschen wegziehen, weil sie nach der Schule eine Ausbildung suchen, auf eine Universität gehen wollen oder nach der Ausbildung einen Job suchen. Wenn Regionen schrumpfen, verlieren sie immer zuerst die jungen Leute. Übrig blieben die älteren, vor allem die im Rentenalter.

Und wohin zieht es die jungen Leute?

Meist in Universitätsstädte. Im Osten nach Dresden, Jena, Leipzig, Erfurt oder Berlin. Im Westen nach Münster, Tübingen, Heidelberg oder Marburg. Die Ausnahme bilden die Kreise Cloppenburg und Vechta, das sogenannte Oldenburger Münsterland. Diese Region hat seit vielen Jahren eine der höchsten Geburtenraten in Deutschland und einen gut funktionierenden Arbeitsmarkt, der die Leute vor Ort hält. Und selbst junge Leute, die woanders studieren, kommen häufig zurück. Außerdem leben dort viele gläubige Protestanten aus der ehemaligen Sowjetunion, die traditionell viele Kinder bekommen. Diese Russlanddeutschen haben die Geburtenrate nochmals erhöht und das Durchschnittsalter somit gesenkt.

„Es hängt viel von der Wirtschaft ab“
– Herbert Winkel, Landrat von Vechta

„Bei uns im Landkreis leben verhältnismäßig viele junge Leute. Etwa jeder Fünfte ist unter 18. Wir haben eine überdurchschnittlich hohe Geburtenrate von 1,7 Kindern pro Frau und eine hohe Frauenerwerbsquote. Wir tun vieles dafür, dass junge Frauen nach ihrer Erziehungszeit schnell wieder in den Beruf kommen. Beispielsweise durch die ‚Koordinierungsstelle Frauen und Wirtschaft’.

Da wir so viele junge Menschen im Landkreis haben, fällt es noch nicht auf, dass wir einen demografischen Wandel haben. Aber den gibt es hier auch. Der wird hier nur etwas später eintreten. Auch wenn wir die Geburtenrate nicht beeinflussen können, versuchen wir durch eine familienfreundliche Politik optimale Bedingungen zu schaffen: gute Infrastruktur, Schulen, Sportanlagen und relativ günstiges Bauland.

Es spielt auch eine Rolle, dass es hier eine Universität mit mehr als 5.000 Studenten gibt. Sie sorgt für eine Verjüngung der Bevölkerung. Außerdem haben wir eine private Hochschule, an der Betriebe Ausbildungs- und Dualstudienplätze anbieten, sodass junge Menschen hier gehalten werden können und nicht wegziehen müssen. Diejenigen, die woanders studieren, es aber vielleicht nicht schaffen, weil sie in Mathe oder Physik nicht zurechtkommen, versuchen wir wieder zurück in den Landkreis zu holen, beispielsweise in handwerkliche Berufe. Da gab es bereits eine gute Kooperation mit der Kreishandwerkerschaft, die wir im Rahmen eines Fachkräftebündnisses mit den Landkreisen Cloppenburg und Diepholz wiederbeleben möchten. Die jungen Leute machen dann hier ihre Ausbildung beziehungsweise ihren Meister und bleiben so den Betrieben und der Region erhalten.

In welche Richtung sich die Region entwickelt, wird stark von der Wirtschaft abhängen. Wenn Betriebe schließen oder sich verkleinern, können wir keine Arbeitsplätze mehr anbieten, und dann werden auch keine jungen Familien mehr in den Landkreis kommen. So sind wir unter anderem abhängig von der Entwicklung der Landwirtschaft, der Kunststoffindustrie und dem Maschinenbau. Wenn eine der Branchen wegbrechen sollte, wäre das eine große Herausforderung für unseren Landkreis.“

Suhl ist im Vergleich aller Landkreise und kreisfreien Städte die Region mit dem höchsten Durchschnittsalter. Kann sie sich davon erholen?

Eher nicht. Viele junge Leute sind von dort weggezogen, weil es keine Jobs mehr gab. Allgemein gilt: Wo die Arbeitslosigkeit hoch ist, ist auch das Durchschnittsalter hoch. Zusätzlich gab es in den Neunzigerjahren überall im Osten einen massiven Geburteneinbruch. Plötzlich wurden nur noch halb so viele Kinder geboren. Und weil mehr junge Frauen als Männer abgewandert sind, fehlen die, die heute Kinder bekommen können.

„Das eigene Kind kommt nach dem Hund“
– Jens Triebel, Oberbürgermeister von Suhl

„In Suhl sind 1990 1.700 Kinder zur Welt gekommen. Nach der Wende gingen dann hier knapp 12.000 Industrie-Arbeitsplätze verloren, und viele Familien haben die Stadt verlassen. Jetzt sind es 250 Kinder pro Jahr.

Ich weiß natürlich, dass unser Altersdurchschnitt sehr hoch ist, aber wir haben nicht den höchsten, auch wenn uns den alle Medien zuschreiben wollen. Wenn man alle 2040 Städte in Deutschland miteinander vergleicht – und nicht wie das statistische Bundesamt nur die 295 Landkreise und 107 kreisfreien Städte –, dann sieht man, dass wir nicht die rote Laterne haben. Der Altersdurchschnitt in der Stadt Hoyerswerda im Landkreis Bautzen liegt zwei Jahre über unserem.

Was würde uns helfen? Die sofortige Rücknahme der Mietpreisbremse. Ich halte sie für den Todesstoß des ländlichen Raums. Mit diesem Gesetz hat die Bundesregierung die Grundlage geschaffen, dass die Binnenmigration zu den Ballungszentren zunimmt. Wenn man Menschen, die lieber in den großen Städten leben wollen, auch noch den Mietpreis stützt, werden immer mehr in die Stadt ziehen und den ländlichen Raum verlassen.

Ich bin davon überzeugt, dass die Lebensqualität in großen Städten für viele Menschen abnehmen wird, und zwar spätestens dann, wenn sie Familien haben und arbeiten gehen. Davon werden Städte wie Suhl profitieren. Wir können den Menschen Angebote machen, damit sie entweder bleiben oder hierherziehen. Wir können etwa jeder Familie einen Kita-Platz anbieten und haben sehr günstige Grundstückspreise.

Lässt sich der Anstieg des Durchschnittsalters aufhalten? Ich glaube, wir sollten aufhören, uns da etwas vorzumachen. Frauen kriegen heute nicht mehr, wie früher, mit Mitte 20 Kinder. Sie bekommen auch weniger. Viele befürchten an Lebensqualität einzubüßen. Zuerst kommt die berufliche Karriere, dann das eigene Haus. Das eigene Kind kommt nach dem Hund. Selbst prosperierende Städte wie Berlin, Hamburg, München oder Stuttgart sind nicht so jung, weil dort besonders viele Kinder geboren werden, sondern weil junge Menschen dort hinziehen.“

Gibt es Regionen, denen es ähnlich ergeht?

Baden-Baden in Baden-Württemberg ist ebenfalls ein roter Fleck, allerdings in einer Region, die eigentlich gut dasteht. Der Grund: Nach Baden-Baden ziehen Rentner. Das Gleiche gilt für Garmisch-Partenkirchen sowie die Inseln Fehmarn und Rügen – das sind typische Rentner-Zuzugsregionen. Man spricht auch von der sogenannten Ruhestandswanderung.

Lassen sich die Unterschiede zwischen den Kreisen noch beseitigen?

Die Unterschiede zwischen den dunkelroten und grünen Regionen sind inzwischen zu krass. Die lassen sich nicht beheben. Dafür ist das demographische Potenzial in den dunkelroten Regionen mittlerweile zu gering. Selbst wenn die Frauen in diesen Regionen wieder mehr Kinder zur Welt brächten, würde das nicht viel bringen, weil zu wenige Frauen dort sind, die Kinder bekommen könnten. Und dass plötzlich viele Menschen in die dunkelroten Regionen ziehen, ist auch nicht zu erwarten, weil es dort zu wenige Jobs gibt. Was sollen die da?

Würden Subventionen helfen?

Mit Subventionen können Entwicklungen eine Weile lang aufgehalten werden, aber danach wird es eigentlich nur noch schlimmer, weil sie Innovationen hinauszögern.

Haben Sie ein Beispiel?

Das Ruhrgebiet hat noch lange von der Kohle gelebt, obwohl sie nicht mehr wirtschaftlich war. Um die Arbeitsplätze zu erhalten, hat die Bundesregierung die Kohleindustrie massiv subventioniert. Somit hat es das Ruhrgebiet verschlafen, neue Unternehmen in der Region anzusiedeln und neue Arbeitsplätze zu schaffen. Man glaubte, Kohle geht immer. Kohle geht aber nicht immer – und die neuen Jobs sind in Bayern und Baden-Württemberg entstanden. Deswegen ist das Ruhrgebiet für eine urbane Region ziemlich alt.

Es gibt also keine Hoffnung mehr?

Das Problem ist, dass das ländliche Gebiet seine Aufgabe verloren hat. Früher war es die Nähe zum Arbeitsplatz. Es gab den Bauern, und um ihn herum den Schlachter, den Müller, den Schmied. Arbeitsplätze entstehen heute eher in wissensintensiven Gesellschaften, wo es Unternehmen, Forschungseinrichtungen und kluge Köpfe gibt. Dafür braucht man eine kritische Masse von einigen hunderttausend Menschen auf einem Fleck. Das sind die Städte. Es gibt heute kaum Beispiele dafür, dass auf dem Land neue Geschäftsideen entstehen. Das Land müsste sich neu erfinden.

Vergangenes Jahr sind knapp zwei Millionen Menschen nach Deutschland gekommen. Unter ihnen 1,1 Millionen Asylsuchende unter anderem aus Syrien, Albanien, Kosovo und Afghanistan. Wie wirkt sich Zuwanderung auf die demografische Lage in Deutschland aus?

Klar ist: Wir brauchen Zuwanderung. Wir haben seit mehr als vierzig Jahren Geburtenraten, die so niedrig sind, dass sich jede Elterngeneration nur zu zwei Drittel selbst ersetzt. Wir haben seit 1972 jedes Jahr Sterbe-Überschüsse – also mehr Todesfälle als Geburten.

Ohne Zuwanderung würde Deutschland längst schrumpfen. Seit der Einführung der EU-Arbeitnehmerfreizügigkeit der osteuropäischen Länder sind viele Zuwanderer aus Rumänien, Bulgarien und Polen nach Deutschland gekommen. Was viele nicht wissen: Unter ihnen ist der Anteil der Hochqualifizierten höher als unter der alteingesessenen Bevölkerung. Allerdings ist der andere Teil der Zuwanderung, die Flüchtlinge, die wir aus humanitären Gründen aufnehmen, im Schnitt leider sehr schlecht qualifiziert.

Wo siedeln sich die Flüchtlinge an?

Dort, wo sie Verwandte haben oder Landsleute kennen. Oder wo sie am ehesten einen Job finden, auch wenn es ein schlechter ist. Sie gehen also eher in die Städte. Aus diesem Grund gehen sie nicht zwingend in die Regionen, die auf der Karte dunkelrot sind.

Wie müsste eine optimale Zuwanderung für Deutschland aussehen?

Man könnte es wie die Kanadier machen. Jeder, der dort einwandern will, wird für seine Sprachkenntnisse, Ausbildung, Berufserfahrung und Alter bewertet. Erhält er eine bestimmte Punktzahl, die je nach Wirtschaftslage variiert, darf er einreisen und bekommt eine Arbeitserlaubnis. Das wäre eine Möglichkeit. Oder: Jeder Einwanderer muss ein Jobangebot vorweisen, um einreisen zu dürfen. Dafür bräuchte es aber eine bessere Vermittlung zwischen den Unternehmen, die Arbeitsplätze anbieten – von den Handwerkern in Bielefeld bis zu den IT-Unternehmen in Berlin – und den potenziellen Einwanderern. Eine internationale Plattform für Jobangebote würde helfen.

Wie viele Zuwanderer bräuchte man, damit das Durchschnittsalter in Deutschland sinkt?

Wir bräuchten 300 000, bald schon bis zu bis 500 000 Zuwanderer pro Jahr, um den Sterbeüberschuss auszugleichen. Dafür wäre allerdings die dreifache Menge an Zuwanderern nötig, also 1,5 Millionen, da zwei Drittel der Zuwanderer erfahrungsgemäß nach einer gewissen Zeit das Land wieder verlassen.

Karte und Interview von Ingo Eggert