Ayham Shapiah macht bis Ende März ein Praktikum bei Siemens. Dort arbeitet er fünf Tage die Woche in der Marketing-Abteilung und freut sich über hilfsbereite Kollegen: „Es macht viel Spaß, weil meine Kollegen sehr nett sind. Und sie helfen mir weiterzukommen.“

Er wartet darauf, dass seine Frau nach Deutschland einreisen darf. Sie hatte Ende Januar ein Gespräch in der deutschen Botschaft im Libanon und muss zwei bis drei Monate auf die Entscheidung über ihren Asylantrag warten.

Nebenbei arbeitet Ayham Shapiah mit seiner Mentorin Juliane Bossmann von der GLS Bank an einer Präsentation zum Thema Finanzen für Flüchtlinge. Er wird sie ins Englische und Arabische übersetzen.

„Ich will helfen, Angebote für Flüchtlinge zu entwickeln“

— Ayham Shapiah, Betriebswirt mit Schwerpunkt Finanzen

In Hamburg kümmern sich Mentoren aus verschiedenen Unternehmen um qualifizierte Zuwanderer.

Wie weit werden sie kommen?

brand eins begleitet drei Paare auf ihrem Weg.

Zuwanderer: DEUTSCHLAND, HAMBURG, 08.12.2015: Ayham Shapiah (28) aus Syrien in den Räumen der GLS Bank Hamburg. FOTO: Hanna Lenz
Zuwanderer: DEUTSCHLAND, HAMBURG, 08.12.2015: Juliane Bossmann (29), Mitarbeiterin der GLS Bank Hamburg. FOTO: Hanna Lenz

Ayham Shapiah, 28, Betriebswirt mit Schwerpunkt Finanzen aus Latakia in Syrien, seit Oktober 2014 in Deutschland, und Juliane Bossmann, 29, Firmenkundenbetreuerin in der Hamburger Niederlassung der GLS Bank. Das Finanzhaus, das sich als besonders fair und nachhaltig präsentiert, will Zuwanderer davor bewahren, auf die Tricks der weniger kundenfreundlichen Geldinstitute hereinzufallen. Die Bank will sie aufklären und Angebote entwickeln, die den besonderen Bedürfnissen Rechnung tragen. Shapiah und Bossmann sollen in Hamburg das Terrain dafür sondieren, sich in den Flüchtlingsunterkünften umtun.

Auf brandeinslab.de verfolgen wir den Weg von Juliane Bossmann und Ayham Shapiah weiter: Wird seine Frau unversehrt hier eintreffen? Und hat er dann vielleicht schon einen Job? Wie wird es mit dem Projekt der GLS Bank weitergehen? Welche Bedürfnisse werden Shapiah und Bossmann unter den Zuwanderern feststellen? Und wie schnell wird die Bank aktiv werden?

„Die Zusammenarbeit mit Ayham ist eine tolle Ergänzung zu meinem normalen Job“

— Juliane Bossmann, Firmenkundenbetreuerin GLS Bank
Ayham Shapiah
brand eins: Frau Bossmann, warum sind Sie Mentorin geworden?

Juliane Bossmann: Schon als Studentin wollte ich wissen, wie Wirtschaft funktioniert – um dann irgendwo zu arbeiten, wo die Werte stimmen und man etwas Gutes machen kann. Dieses Projekt ist eine tolle Ergänzung zu meinem normalen Job. Ich will Ayham einen Einblick in die deutsche Arbeitswelt verschaffen, nehme ihn mit in meine Abteilung, zu Meetings und wenn möglich auch zu Kundenterminen. Vielleicht ergibt sich aus den Kontakten, die er dadurch bekommt, sogar ein Jobangebot.

Herr Shapiah, was erhoffen Sie sich von dem Mentoring?

Ayham Shapiah: Ich will wissen, wie die Sachen hier laufen, wie der Arbeitsalltag aussieht. Ich will lernen, wie man sich richtig bewirbt, dabei hilft mir Juliane. Und ich will der Bank dabei helfen, gute Angebote für Flüchtlinge zu entwickeln. Bei den Banken, die ich vorher kennengelernt habe, war es schwierig als Zuwanderer.

Was ist Ihr wichtigstes Ziel?

Vor allem meine Frau nach Deutschland zu holen. Sie ist noch in Latakia, weil die Flucht für sie zu gefährlich gewesen wäre. Aber da ich jetzt eine Aufenthaltsgenehmigung habe, kann sie mit dem Flugzeug kommen. Ich wünsche mir, dass es schnell geht. Latakia ist zwar kein direktes Kampfgebiet, aber es schlagen trotzdem immer wieder Raketen ein. Außerdem will ich unbedingt einen Job finden, möglichst einen, bei dem ich nicht am Schreibtisch sitze, sondern draußen bei Kunden bin. Das war ich auch bei der Im- und Exportfirma, für die ich in Latakia gearbeitet habe.

Was konnten Sie bislang tun?

Ich habe Juliane in der Bank begleitet, bin mit bei einem Kunden gewesen, der uns seine Fabrik gezeigt hat. Das war sehr interessant. Vielleicht gibt es dort einen Job für mich, ich habe meine Bewerbungsunterlagen hingeschickt.

Wie verbringen Sie im Moment Ihre Zeit?

Ich gehe zum Deutschunterricht, habe gerade eine wichtige Prüfung abgelegt. Außerdem begleite ich Juliane und bewerbe mich, wann immer sich eine Chance ergibt.

Wo leben Sie?

In einer Flüchtlingsunterkunft.

Gibt es etwas, das Ihnen Sorgen bereitet?

Die Sicherheit meiner Frau. Ich denke jeden Tag an sie. Auch einen Job zu finden ist schwierig. Es ist hier so anders als in Syrien. Das Gleiche gilt für die Wohnungssuche. Ich habe 40 Wohnungen besichtigt, ab dem 1. April habe ich zum Glück eine.

Was gefällt Ihnen in Deutschland am meisten?

Sie akzeptieren Fremde hier, die Leute sind nett und haben mir sehr geholfen. In Italien war das nicht so, dort waren viele Menschen unfreundlich. Deutschland ist das beste Land in Europa. Nur die Bürokratie auf den Ämtern mag ich nicht.

Am Anfang standen zwei Frauen und eine Überzeugung: dass viele der Zuwanderer, die derzeit nach Deutschland kommen, Menschen mit großen Potenzialen sind. Nur wie macht man sie sichtbar? Yukiko Elisabeth Kobayashi, 47, ehemals Personalerin bei der Lufthansa und bei Astra Zeneca, hatte gute Erfahrungen mit Mentorenprogrammen gemacht, bei denen Führungskräfte sich jüngerer Kollegen annahmen, um deren Entwicklung zu fördern, und gleichzeitig selbst vom Austausch mit dem Nachwuchs profitierten. Sie beschloss gemeinsam mit ihrer Partnerin Alexa Drichelt, 34, solche Partnerschaften für qualifizierte Zuwanderer und Führungskräfte aus Hamburger Unternehmen zu organisieren.

In einem ersten Schritt überzeugten sie Fördern & Wohnen, den Betreiber der Flüchtlingsunterkünfte, mit ihnen zu kooperieren, um Zugang zu interessierten Zuwanderern zu erhalten. Als Nächstes begannen die beiden, Firmen ins Boot zu holen, ihnen den wirtschaftlichen Nutzen der Teilnahme nahezubringen. „Es war anfangs schwierig, viele Firmen waren skeptisch. Dem Zuwanderer auf Augenhöhe zu begegnen, ihn als ökonomische Bereicherung zu sehen widerspricht natürlich dem Impuls, eine Beziehung von Helfer zu Hilfsbedürftigem herzustellen. Manchmal rannten wir aber auch offene Türen ein. Das hat uns angespornt, weiterzumachen“, sagt Kobayashi.

Die beiden Frauen gründeten die Firma Impact Dock und begannen in Zusammenarbeit mit der Leuphana Universität Lüneburg, Fragebögen zu entwickeln, die sowohl die Qualifikationen und Persönlichkeiten der Zuwanderer als auch die der Mentoren systematisch erfassen sollen. Mithilfe dieser Leitfäden führten sie dann zwei- bis dreistündige Gespräche mit bislang gut 40 Flüchtlingen, die ihnen von Fördern & Wohnen und andere Beteiligten empfohlen wurden. Später befragten sie auch die Mentoren und filterten dabei die besonderen Bedürfnisse der Firmen heraus. Dann stellten sie die Paare zusammen. Mit einem Workshop im Oktober 2015 begann das Programm mit 15 Flüchtlingen.

Manche Zuwanderer absolvieren Praktika bei ihren Mentoren, andere treffen sich in loser Folge. Aber alle haben gemeinsame Ziele definiert, und alle kommen voran. In der ersten Runde sind 15 Zuwanderer dabei, die Mentoren in Konzernen wie Otto und in Institutionen wie dem Hamburger Thalia Theater gefunden haben. Im Februar geht aufgrund des großen Interesses eine zweite Gruppierung von Firmen-Mentoren und Zuwanderer-Mentees an den Start. Die Kosten von 1000 bis 4000 Euro übernehmen die Firmen. Für die Zuwanderer ist die Teilnahme gratis.