Bushra Alissa hat viel erreicht. Die syrischen Zeugnisse der Pharmazeutin wurden anerkannt. Sie kann nun das Praktische Jahr beginnen, das sie für die Zulassung zum dritten Staatsexamen braucht. Der Abschluss berechtigt sie dann, als Apothekerin in Deutschland zu arbeiten. Mentorin Pia Sundermann hat mittlerweile auch eine Apotheke gefunden, in der Alissa das Praktische Jahr absolvieren kann, die Hamburger Antares Apotheke. Ab dem ersten März wird sie dort tätig sein. Ihr Deutsch ist fließend, sie hat stetig in Kursen daran gearbeitet und jede Gelegenheit genutzt, deutsch zu sprechen. Sehr hilfreich war dabei die Tätigkeit bei Sundermanns Arbeitgeber Zytoservice, wo Alissa in verschiedenen Abteilungen Praktika absolviert hat. Mit ihrer Mentorin verbindet sie inzwischen eine Freundschaft – das brachte sie in einer Weihnachtskarte Ende vergangenen Jahres eindrucksvoll zum Ausdruck.

„Liebe Pia. Ich habe mich sehr gefreut, dich in diesem Jahr kennengelernt und weiter zusammen gearbeitet zu haben. Ich wünsche dir alles Gutte in neues Jahr und viel Erfolg bei der Arbeit. Obwohl wir nicht genug Zeit in dem letzten Jahren hatten, zusammen drauße zu gehen oder ins Kino zu gehen, hat mich sehr gefreut. eine starke selbstbewusst erfolgerische Fraue wie du kennezulernen und eine Freundin zu haben. Ich bedanke mich bei dir dass du mir geholfen haben. und versuchte alles Möglichkeiten, viele Chance für mich zu öffnen. Ich hoffe dass wir nächsten Jahr im Kontakt bleiben könnten. Ich wünsche dir Frohes Weihnachten und frohes neues Jahr. Vielen Dank für alles. Eehrlich zu sagen, dass du wie ein Vorbild für mich bist. Ich wünsche gerne, enge Freunde werden zu sein. Liebe Grüße Bushra Alissa“

Während Bushra Alissa darauf wartet, ob ihr die Scheine aus ihrem Pharmazie-Studium in Syrien in Deutschland angerechnet werden, lernt sie fleißig Deutsch. Sie hat zwei Prüfungen bestanden und besucht bereits den weiterführenden Kurs. Jeder, der schon einmal im Ausland studiert oder gearbeitet hat, weiß wie anstrengend es ist, eine neue Sprache zu lernen.

„Ich bin beeindruckt von ihrem Fleiß und ihrer Zielstrebigkeit“, sagt ihre Mentorin Pia Sundermann. Deutsch gut zu sprechen, bedeutet für Bushra Alissa Freiheit.

„Mir gefällt die Freiheit sehr“

— Bushra Alissa, Pharmazeutin

In Hamburg kümmern sich Mentoren aus verschiedenen Unternehmen um qualifizierte Zuwanderer.

Wie weit werden sie kommen?

brand eins begleitet drei Paare auf ihrem Weg.

Zuwanderer: DEUTSCHLAND, HAMBURG, 16.12.2015: Bushra Alissa (26) aus Syrien. FOTO: Hanna Lenz
Zuwanderer: DEUTSCHLAND, HAMBURG, 09.12.2015: Pia Sundermann (37) von Zytoservice Deutschland. FOTO: Hanna Lenz

Bushra Alissa, 27, Pharmazeutin aus Damaskus, seit November 2014 in Deutschland, und Pia Sundermann, 37, Leiterin der Qualitätskontrolle beim Pharmahersteller Zytoservice, der auf individualisierte Infusionslösungen spezialisiert ist. Die schnell wachsende Firma muss monatlich im Schnitt vier bis fünf Stellen neu besetzen, die benötigten Spezialisten sind schwer zu finden. Schon jetzt ist die Hälfte aller rund 250 Zytoservice-Mitarbeiter ausländischer Herkunft.

Auf brandeinslab.de verfolgen wir den Weg von Pia Sundermann und Bushra Alissa weiter: Wird sie Zusatzprüfungen ablegen müssen, damit ihr Studienabschluss anerkannt wird? Wann kann sie sich endlich einen richtigen Job suchen und Geld verdienen? Wo wird das sein, in einer Apotheke oder vielleicht doch bei Zytoservice? Und wird sie bis dahin ihre Angst überwinden – oder es schaffen, den Führerschein zu machen?

„Wir brauchen qualifizierte Pharmazeuten“

— Pia Sundermann, Geschäftsleiterin Zytoservice
Zuwanderer: DEUTSCHLAND, HAMBURG, 09.12.2015: Bushra Alissa (26) aus Syrien in den Räumen der Trainingsakademie von Zytoservice Deutschland. FOTO: Hanna LenzZuwanderer: DEUTSCHLAND, HAMBURG, 09.12.2015: Bushra Alissa (26) aus Syrien in den Räumen der Trainingsakademie von Zytoservice Deutschland. FOTO: Hanna Lenz
brand eins: Frau Sundermann, warum sind Sie Mentorin geworden?

Pia Sundermann: Ich bin durch Syrien gereist, bevor der Krieg begann. Ein wunderschönes Land mit hilfsbereiten und gastfreundlichen Menschen. Ich möchte ihnen etwas zurückgeben. Außerdem brauchen wir bei Zytoservice immer qualifizierte Pharmazeuten.

Frau Alissa, was erhoffen Sie sich von dem Mentoring?

Bushra Alissa: Ich möchte erleben, wie es im deutschen Arbeitsleben zugeht. Und ich möchte die deutsche Kultur besser kennenlernen und die Sprache noch besser beherrschen. Da ich keine deutschen Freunde habe, ist die Firma der einzige Ort, an dem ich üben kann.

Was ist Ihr wichtigstes Ziel?

So schnell wie möglich einen richtigen Job zu haben. Dazu muss aber erst mein Abschluss in Deutschland anerkannt werden. Wahrscheinlich muss ich eine Zusatzprüfung machen. Pia hilft mir, das zu klären. Eine Arbeitserlaubnis habe ich zum Glück schon.

Was konnten Sie bisher tun?

Zytoservice betreibt eine eigene Akademie, um neuen Mitarbeitern das nötige Spezialwissen zu vermitteln. Ich habe sämtliche Schulungsunterlagen und Arbeitsanweisungen ins Arabische übersetzt und ein Glossar für Fachbegriffe erstellt. Das hat Spaß gemacht, es nützt der Firma, und ich habe viel gelernt.

Wie verbringen Sie im Moment Ihre Zeit?

Ich mache ein Praktikum in einer Apotheke in Hamburg-Eimsbüttel, das mir Zytoservice vermittelt hat.

Wo leben Sie?

Meine Eltern, meine Schwester und ich wohnen in einer kleinen Wohnung am Stadtrand. Wir sind alle zusammen aus Syrien geflohen. Zwei meiner Brüder leben auch in Hamburg.

Gibt es etwas, das Ihnen Sorgen bereitet?

Ich kann im Moment die normalen Arbeitszeiten in der Apotheke nicht einhalten, weil ich Angst habe, im Dunkeln mit der S-Bahn nach Hause zu fahren. Nach den Anschlägen in Paris bin ich dort von einer Frau angepöbelt worden. Was, wenn es ein Mann gewesen wäre? Ich fürchte mich davor, angegriffen zu werden. Wenn ich richtig arbeiten will, muss ich dafür eine Lösung finden. Vielleicht mache ich einen Führerschein. Dann muss ich nicht mehr mit der Bahn fahren.

Was gefällt Ihnen in Deutschland am meisten?

Die Freiheit. Ich will hier ein neues Leben aufbauen. Und für meine Eltern, die die deutsche Kultur nicht verstehen, die Übersetzerin sein.

Am Anfang standen zwei Frauen und eine Überzeugung: dass viele der Zuwanderer, die derzeit nach Deutschland kommen, Menschen mit großen Potenzialen sind. Nur wie macht man sie sichtbar? Yukiko Elisabeth Kobayashi, 47, ehemals Personalerin bei der Lufthansa und bei Astra Zeneca, hatte gute Erfahrungen mit Mentorenprogrammen gemacht, bei denen Führungskräfte sich jüngerer Kollegen annahmen, um deren Entwicklung zu fördern, und gleichzeitig selbst vom Austausch mit dem Nachwuchs profitierten. Sie beschloss gemeinsam mit ihrer Partnerin Alexa Drichelt, 34, solche Partnerschaften für qualifizierte Zuwanderer und Führungskräfte aus Hamburger Unternehmen zu organisieren.

In einem ersten Schritt überzeugten sie Fördern & Wohnen, den Betreiber der Flüchtlingsunterkünfte, mit ihnen zu kooperieren, um Zugang zu interessierten Zuwanderern zu erhalten. Als Nächstes begannen die beiden, Firmen ins Boot zu holen, ihnen den wirtschaftlichen Nutzen der Teilnahme nahezubringen. „Es war anfangs schwierig, viele Firmen waren skeptisch. Dem Zuwanderer auf Augenhöhe zu begegnen, ihn als ökonomische Bereicherung zu sehen widerspricht natürlich dem Impuls, eine Beziehung von Helfer zu Hilfsbedürftigem herzustellen. Manchmal rannten wir aber auch offene Türen ein. Das hat uns angespornt, weiterzumachen“, sagt Kobayashi.

Die beiden Frauen gründeten die Firma Impact Dock und begannen in Zusammenarbeit mit der Leuphana Universität Lüneburg, Fragebögen zu entwickeln, die sowohl die Qualifikationen und Persönlichkeiten der Zuwanderer als auch die der Mentoren systematisch erfassen sollen. Mithilfe dieser Leitfäden führten sie dann zwei- bis dreistündige Gespräche mit bislang gut 40 Flüchtlingen, die ihnen von Fördern & Wohnen und andere Beteiligten empfohlen wurden. Später befragten sie auch die Mentoren und filterten dabei die besonderen Bedürfnisse der Firmen heraus. Dann stellten sie die Paare zusammen. Mit einem Workshop im Oktober 2015 begann das Programm mit 15 Flüchtlingen.

Manche Zuwanderer absolvieren Praktika bei ihren Mentoren, andere treffen sich in loser Folge. Aber alle haben gemeinsame Ziele definiert, und alle kommen voran. In der ersten Runde sind 15 Zuwanderer dabei, die Mentoren in Konzernen wie Otto und in Institutionen wie dem Hamburger Thalia Theater gefunden haben. Im Februar geht aufgrund des großen Interesses eine zweite Gruppierung von Firmen-Mentoren und Zuwanderer-Mentees an den Start. Die Kosten von 1000 bis 4000 Euro übernehmen die Firmen. Für die Zuwanderer ist die Teilnahme gratis.