Zuwanderer: DEUTSCHLAND, HAMBURG, 07.10.2016: Kawa Gan (32) aus Syrien. FOTO: Hanna Lenz

Kawa Khalaf strahlt übers ganze Gesicht: „Mein Studium in Syrien ist bis zum Bachelor anerkannt worden“. Damit ist auch klar: In zwei Jahren kann der Agraringenieur nun seinen Master absolvieren und hat dann gute Chancen, in seinem Wunschberuf zu arbeiten.

Mentorin Ulrike Fohr begleitet ihn auch nach dem offiziellen Ende des Mentoring-Jahres weiter, unterstützt ihn bei der Suche nach einem Platz für ein Praktikum, das er im Anschluss an die Sprachprüfung B2 absolvieren muss. Khalafs Deutsch ist mittlerweile fließend, seine Schüchternheit beim Sprechen hat er weitgehend überwunden.

Das liegt auch an seinem regelmäßigen Einsatz beim Frühstücksservice im Hotel The George. Dort ist er bei den Gästen wie bei den Kollegen beliebt, „wir machen viel Spaß bei der Arbeit“, sagt er. „Kawa hat einen sehr positiven Einfluss auf die Atmosphäre bei uns“, so Mentorin Fohr, „und wir machen gemeinsam so lange weiter, bis er seinen nächsten beruflichen Schritt geht“.

Eine Perspektive gibt es bereits: Die Universität hat eine agrar- und ernährungswissenschaftliche Fakultät, die für Khalaf interessant sein könnte.

Kawa Khalaf

„Läuft“, antwortet Kawa Khalaf auf die Frage, wie es ihm seit unserem jüngsten Gespräch ergangen ist. Weil er sich zu dem Taschengeld in Höhe von 125 Euro vom Jobcenter etwas dazuverdienen möchte, hat er nach einem Minijob gesucht. Für ihn ist das ein großer Schritt: Er hat im Hotel The George während seines unbezahlten Praktikums im Rahmen der Mentorenschaft verschiedene Stationen durchlaufen und sich bewiesen. Seit Anfang März arbeitet er nun bezahlt in der Frühstücksschicht und im Garten des Hotels, sofern dort etwas zu tun ist.

„Sehr schnell haben wir alle im Hotel festgestellt, dass Kawa sehr zuverlässig ist, sehr interessiert an all den Aufgaben ist, freundlich und einfach zu uns passt. Zurzeit ist er zweimal die Woche eingeteilt und wir freuen uns über seine Unterstützung“, sagt seine Mentorin Ulrike Fohr.

Seine erste Deutschprüfung hat Kawa Khalaf inzwischen bestanden und wird bald den nächsten Kurs beginnen. Vor allem die regelmäßige Arbeit mit deutschen Kollegen bringt ihn beim Erlernen der Sprache weiter.

„Ich will eine gute Arbeitsstelle finden“

— Kawa Khalaf, Agraringenieur mit Erfahrung im Hotelgewerbe

In Hamburg kümmern sich Mentoren aus verschiedenen Unternehmen um qualifizierte Zuwanderer.

Wie weit werden sie kommen?

brand eins begleitet drei Paare auf ihrem Weg.

Kawa Khalaf
Ulrike Fohr

Kawa Khalaf, 32, Agraringenieur aus dem syrischen Amouda, seit Oktober 2014 in Deutschland, und Ulrike Fohr, 55, Direktorin des Hamburger Hotels „The George“. Das Haus hat viele internationale Gäste, darunter auch Gesundheitstouristen aus dem arabischen Raum, die sich in der Klinik St. Georg gegenüber dem Hotel behandeln lassen. Fohr ist immer auf der Suche nach engagiertem Nachwuchs. Khalaf hat auf seiner Flucht in einem Hotel gejobbt, was ihm gut gefallen hat.

Auf brandeinslab.de verfolgen wir den Weg von Ulrike Fohr und Kawa Khalaf weiter: Wird sein Abschluss anerkannt werden? Oder muss er dafür zusätzliche Prüfungen absolvieren? Wenn ja, wird er sich dafür entscheiden oder doch lieber im Hotel sein Glück versuchen? Wird er dort in den kommenden Monaten überhaupt reüssieren angesichts seiner Schüchternheit? Oder gelingt es ihm, sie zu überwinden?

„Dass Kawa hier ist, ist gut für alle im Hotel“

— Ulrike Fohr, Direktorin The George Hotel
brand eins: Frau Fohr, warum sind Sie Mentorin geworden?

Ulrike Fohr: Dass Kawa hier ist, ist gut für alle im Hotel: Es schult die Toleranz, die Leute werden offener, was wichtig ist für ein internationales Haus wie unseres. Es ist auch eine Herausforderung für unsere Führungskräfte. Vor allem aber bin ich mit dem Herzen dabei: Wenn ich in meinem Freundeskreis von Kawa erzähle, sind viele überrascht. Ich zeige damit: Es tut nicht weh, sich zu engagieren, im Gegenteil. Erst war ich traurig über sein Schicksal, aber jetzt denke ich: Wir machen das Beste daraus.

Herr Khalaf, was erhoffen Sie sich von dem Mentoring?

Kawa Khalaf: Ich möchte etwas tun, arbeiten. Und ich möchte Deutsch sprechen. Ich kenne außerhalb des Hotels noch keine Deutschen.

Was ist Ihr wichtigstes Ziel?

Besser Deutsch zu lernen und eine gute Arbeitsstelle zu finden. Ich weiß noch nicht, ob mein Abschluss als Agraringenieur anerkannt wird. Das wird gerade geprüft, und ich gehe davon aus, dass es klappt. Wenn nicht, möchte ich noch eine Ausbildung machen. Ein Freund aus Syrien, der seit 15 Jahren hier ist, hat das nicht getan und arbeitet jetzt in einem Imbiss. Das ist schade.

Was konnten Sie bislang tun?

Ich bin dreimal in der Woche hier, lerne alle Bereiche im Hotel kennen. Im Moment bin ich im Housekeeping.

Wie verbringen Sie im Moment Ihre Zeit?

Ich gehe zum Deutschunterricht und mache mein Praktikum im Hotel. Außerdem musiziere ich viel mit der Saz, einem türkischen Instrument, und lerne gerade, Gitarre zu spielen.

Wo leben Sie?

In einer kleinen Wohnung, Ulrike und ihre Kollegen aus dem Hotel haben mir bei der Einrichtung geholfen.

Gibt es etwas, das Ihnen Sorgen bereitet?

Nein. Ich fühle mich wohl und sicher.

Was gefällt Ihnen in Deutschland am meisten?

Die Menschen hier sind sehr freundlich und hilfsbereit. In Syrien hat man über Deutschland erzählt, dass die Menschen sehr für sich leben und wenig Kontakt pflegen. Das stimmt überhaupt nicht. Außerdem bin ich beeindruckt von der Demokratie, den Gesetzen, der Ordnung im Land.

Am Anfang standen zwei Frauen und eine Überzeugung: dass viele der Zuwanderer, die derzeit nach Deutschland kommen, Menschen mit großen Potenzialen sind. Nur wie macht man sie sichtbar? Yukiko Elisabeth Kobayashi, 47, ehemals Personalerin bei der Lufthansa und bei Astra Zeneca, hatte gute Erfahrungen mit Mentorenprogrammen gemacht, bei denen Führungskräfte sich jüngerer Kollegen annahmen, um deren Entwicklung zu fördern, und gleichzeitig selbst vom Austausch mit dem Nachwuchs profitierten. Sie beschloss gemeinsam mit ihrer Partnerin Alexa Drichelt, 34, solche Partnerschaften für qualifizierte Zuwanderer und Führungskräfte aus Hamburger Unternehmen zu organisieren.

In einem ersten Schritt überzeugten sie Fördern & Wohnen, den Betreiber der Flüchtlingsunterkünfte, mit ihnen zu kooperieren, um Zugang zu interessierten Zuwanderern zu erhalten. Als Nächstes begannen die beiden, Firmen ins Boot zu holen, ihnen den wirtschaftlichen Nutzen der Teilnahme nahezubringen. „Es war anfangs schwierig, viele Firmen waren skeptisch. Dem Zuwanderer auf Augenhöhe zu begegnen, ihn als ökonomische Bereicherung zu sehen widerspricht natürlich dem Impuls, eine Beziehung von Helfer zu Hilfsbedürftigem herzustellen. Manchmal rannten wir aber auch offene Türen ein. Das hat uns angespornt, weiterzumachen“, sagt Kobayashi.

Die beiden Frauen gründeten die Firma Impact Dock und begannen in Zusammenarbeit mit der Leuphana Universität Lüneburg, Fragebögen zu entwickeln, die sowohl die Qualifikationen und Persönlichkeiten der Zuwanderer als auch die der Mentoren systematisch erfassen sollen. Mithilfe dieser Leitfäden führten sie dann zwei- bis dreistündige Gespräche mit bislang gut 40 Flüchtlingen, die ihnen von Fördern & Wohnen und andere Beteiligten empfohlen wurden. Später befragten sie auch die Mentoren und filterten dabei die besonderen Bedürfnisse der Firmen heraus. Dann stellten sie die Paare zusammen. Mit einem Workshop im Oktober 2015 begann das Programm mit 15 Flüchtlingen.

Manche Zuwanderer absolvieren Praktika bei ihren Mentoren, andere treffen sich in loser Folge. Aber alle haben gemeinsame Ziele definiert, und alle kommen voran. In der ersten Runde sind 15 Zuwanderer dabei, die Mentoren in Konzernen wie Otto und in Institutionen wie dem Hamburger Thalia Theater gefunden haben. Im Februar geht aufgrund des großen Interesses eine zweite Gruppierung von Firmen-Mentoren und Zuwanderer-Mentees an den Start. Die Kosten von 1000 bis 4000 Euro übernehmen die Firmen. Für die Zuwanderer ist die Teilnahme gratis.